Wo zum Teufel steckt Andra?

von Heinz Klein | 23. Juli 2026

Ein kleines Jubiläum: Vor 25 Jahren lief der erste Luchs mit Sender durch den Bayerischen Wald. Der Journalist Heinz Klein erzählt von einer Nachsuche mit dem Biologen Manfred Wölfl. Auch die „kleine Sorge“ war mit dabei.

Es war beinahe zum Verzweifeln. Als ich zum Illustrieren eines Zeitungsartikels über die Rückkehr der Luchse im Bildarchiv der Deutschen Presseagentur unter dem Stichwort „Luchs“ suchte, erschienen nur Fotos von Panzern. Na ja, das ist jetzt 25 Jahre her und der „Luchs“ war damals der Standard-Spähpanzer der Bundeswehr. Heute heißt der aktuelle Spähpanzer der  Bundeswehr „Fennek“ und im Bildarchiv der dpa erscheinen nun unter dem Stichwort  „Luchs“ tatsächlich zuerst mal echte Luchse und erst viele Klicks später Panzer. Der Luchs ist also inzwischen mit vielen Fotos im Bildarchiv der dpa angekommen. Viel wichtiger aber ist es, dass er inzwischen auch in unseren Wäldern wieder vertreten ist. Die große Samtpfote hat ihre ökologische Planstelle, die über ein Jahrhundert lang unbesetzt war, wieder eingenommen.

Würde man unter Rehen eine Umfrage zur Akzeptanz des Wiederauftauchens der Luchse starten, so würden die Paarhufer ihren Huf wohl am ehesten auf den Button „hätt‘s echt nicht gebraucht“ setzen. Auch so mancher Zweibeiner der Gattung „Jäger“ könnte sich dem bestimmt anschließen. Doch der Luchs wird wirklich gebraucht. Nicht nur, weil er in das schon arg zerrupfte Netz des Lebens wieder eine wunderbare Masche mehr knüpft.

Als Ende des vergangenen Jahrtausends der Eiserne Vorhang zwischen Deutschland und Tschechien fiel, schlichen also die ersten großen Samtpfoten nach Bayern. Das bekamen zunächst eher nur Insider mit. Einer von ihnen hieß Manfred Wölfl, der damals als Biologe für den Naturpark Bayerischer Wald arbeitete. Er sollte der Frage nachgehen, was der Luchs als Neuankömmling im Freistaat künftig wohl so treiben wird.

Fünf Tage nach Heilig Abend des Jahres 2000 bekam Manfred Wölfl ein verspätetes Weihnachtsgeschenk. Denn da gelang es ihm, seinen ersten Luchs zu fangen. Er hatte an einem frischen Rehriss eine Falle platziert, in die der vierbeinige Jäger tappte, als er zu seiner Beute zurückkehrte, um dort Brotzeit zu machen. Während einer kurzen, leichten Narkose wurde der Luchs flugs untersucht, gewogen und vermessen und schließlich mit einem Sender versehen. Damit war die wilde Katze nun zum Halsbandträger geworden und  Manfred Wölfl konnte sie jetzt mittels Fernortung überwachen, wenn er mit einer Antenne in der hoch erhobenen Hand durch den Wald lief. „Was soll das denn?“, fragten sich sicherlich verwunderte Wanderer: „Da latscht einer mit einer Fernsehantenne rum und hat gar keinen Fernseher dabei.“

Aller Anfang fängt mit einem „A“ an, sagte sich Manfred Wölfl und gab seinem Luchs, der eine eineinhalb jährige Luchsin war, den Namen Andra. Die besenderte Andra schnupperte im luchsischen Neuland Bayern nun erstmal dahin und dorthin und Manfred Wölfl blieb ihr auf der Spur. Schließlich verschwand sie fast eine Woche lang in einem Dickicht im Zellertal zwischen Kötzting und Arnbruck. Da stellte sich natürlich die Frage, was die Luchsin wohl die ganze Zeit über dort trieb. Als Andra ihr Dickicht schließlich wieder verließ und eineinhalb Kilometer weiter zog, fragte mich Manfred: „Kommst du mit? Wir müssen das Dickicht nach Spuren untersuchen, um zu sehen, was Andra dort eine Woche lang gemacht hat.“

Natürlich kam ich mit. Doch auf der Fahrt ins Zeller Tal hatte völlig ohne Einladung eine kleine Besorgnis am Beifahrersitz Platz genommen. „Luchse schauen wie Leoparden aus“, flüsterte sie. „Na gut, sie sind ein bisschen kleiner“, gestand die kleine Sorge. „Aber weißt du, dass Leoparden sehr, sehr gefährlich, sind? In Indien schnappen die sich manchmal sogar einen Menschen. Da können doch Luchse auch nicht ganz harmlos sein“, raunte die kleine Sorge. „Luchse reißen Rehe“, hielt ich dagegen. „Und weißt du, wieviel ein Reh wiegt? 20 oder vielleicht 25 Kilo. Ich aber wiege … nein, ich sag’s lieber nicht. Jedenfalls bin ich viel zu groß und zu schwer, um ins Beutespektrum eines Luchses zu passen“, beruhigte ich die kleine Sorge und auch mich selbst.

Doch als ich wenig später vor Andras Dickicht stand und Manfred mir klar machte, dass wir nun auf allen Vieren durch die mannshohe Fichtenschonung kriechen müssten, um am Boden Spuren finden zu können, das war sie wieder da, die kleine Besorgnis. „Auf allen Vieren – bist du verrückt!“, flüsterte sie entsetzt. „Und wenn die Luchsin zurückgekommen ist und du ihr auf allen Vieren krabbelnd plötzlich auf Augenhöhe gegenüber liegst, was dann?“, sagte die kleine Besorgnis und machte sich gleich ein bisschen größer. Die bange Frage blieb gegenüber Manfred unausgesprochen, ich schluckte sie tapfer hinunter.

Na gut, sei’s drum, sterbe ich halt hier in einem Dickicht bei Arnbruck, sagte ich mir mit einem Grinsen. Und weil ich zuhause schon mit dem Auftauchen der kleinen Besorgnis gerechnet hatte, hatte ich mir mal vorsichtshalber mein Schwammerlmesser eingesteckt. Falls wir Schwammerl finden, hatte ich mir selber vorgeflunkert. Das Messer ist von der Klingenlänge her geeignet, einen Steinpilz zu töten und es ist ziemlich stumpf. Aber besser als gar nix, flüsterte ich der kleinen Besorgnis zu. Dann kämpfte ich mich erstmal durch die Brombeerranken, die das etwa einen Hektar große Dickicht säumten, sank sodann auf die Knie, klemmte mir das Schwammerlmesser zwischen die Zähne (natürlich nur wegen den Steinpilzen), fühlte mich dabei fast ein bisschen wie Winnetou beim Beschleichen der Komantschen und krabbelte also hinein, ins Fichtenwirrwarr.

Um es kurz zu machen: Ich wurde angegriffen! Allerdings nur von zwei Zecken. Und das merkte ich auch erst viel später, zuhause unter der Dusche. Ich robbte etwa eine Stunde lang durch das Dickicht und begegnete hin und wieder Manfred, der wie ich viele Fichtennadeln im Haar und einige Brombeerkratzer im Gesicht hatte, aber, was die Spurenlage betraf, wesentlich erfolgreicher war als ich. Manfred ist im Gegensatz zu mir ein echter Indianer. Er kann, falls ein Luchs sich mal auf einem Felsen oder auch einen Baumstumpf niedergelassen hat, dort noch Wochen später im Moos winzige Luchshärchen finden. Und noch glücklicher ist er, wenn er auf Losung stößt. Losung ist das Jägerwort für Kacke. Dann stochert er ganz selig in dem braunen Würstchen, um den Produzenten der Hinterlassenschaft identifizieren zu können. „Schau“, murmelt er, „siehst du die winzigen weißen Knöchelchen. Die stammen von einer Maus. Dann war es wohl ein Fuchs, der die gefressen hat.“

Mein Interesse an kleinen braunen Würstchen galt zunächst ausschließlich solchen Exemplaren, die frisch von einem Grill kamen. Doch ich muss gestehen, dass neben Knackwürstchen auch Kackwürstchen nicht ganz uninteressant sind, wenn man die Zeichen zu deuten weiß. Denn wenn sich Fellreste oder gar Knochensplitter in der Losung finden, dann wird es interessanter. Dann kramte Manfred ein kleines schwarzes Plastikdöschen aus dem Rucksack und stopft eine Kotprobe hinein. Ja, damals fotografierte man noch analog.  Und der Film steckte geschützt in diesen schwarzen Plastikröhrchen, die mit einem blauen oder einem grünen Deckel verschlossen waren. „Ilford“ stand drauf. Die Filme im grün gedeckelten Döschen waren lichtempfindlicher als die im blauen und sie reichten für 36 Bilder. Das glaubt heute bald keiner mehr, wenn man erzählt, wie umständlich das Fotografieren noch vor zwei Jahrzehnten war.

Auch in Andras Dickicht im Zellertal wurde der Indianer-Biologe Wölfl natürlich fündig. Er entdeckte  lange weiße Härchen aus dem Bauchfell des Luchses an einem bemoosten Felsen, auf dem Andra Tage zuvor wohl gelegen war. Und er fand halb verscharrte Losung, die zu einem Luchs passte. Ich fand nix von Andra und auch keinen Steinpilz, den womöglich ein Luchs angeknabbert haben könnte. Überreste einer Beute hatte Andra nicht hinterlassen. Doch Manfred Wölfl machte sich deshalb keine Sorgen. Er wusste, dass Andra erst vor kurzem bei Bodenmais ein Reh gerissen hatte.

Die Luchsin blieb weiterhin in der Gegend und konnte dank des Senders noch monatelang geortet werden. Sie scheint auch Nachwuchs bekommen zu haben, denn Manfred fand neben ihrer Spur auch das Trittsiegel eines kleinen Luchses. Doch nach fast zwei Jahren erstarb das Sendersignal. Andra blieb verschollen. 

Unterdessen hatten der Biologe Manfred Wölfl und der überlebende Journalist Heinz Klein gemeinsam auch was Kleines in die Welt gesetzt: Ein Büchlein mit dem Titel „Luchswege“, das von dem Leben des  Luchskindes Großpfote und dem Schaffen eines Jägers namens Kurt Bär erzählte. Die BR-Fernsehredakteurin Angela Graas hat das Buch wenig später verfilmt. Ihr Film „Luchswege – eine Geschichte aus dem Bayerischen Wald“ wurde 2004 auf dem Naturfilm-Festival NaturVision mit dem  Filmpreis Bayern gekürt und viele Male in den dritten Programmen der ARD gezeigt.

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