Ein Luchsmännchen durchwandert sein Revier.

Raumbedarf

Luchse brauchen viel Platz

Luchskatzen haben Territoriengrößen von 75 bis 250 km², Kater zwischen 150 und 450 km². Wie groß ein Territorium ist, hängt dabei von der Lebensraumgüte ab. Das Territorium eines Katers überlagert das von ein bis zwei Katzen, selten auch von drei Katzen.

Luchslebensraum im Bayerischen Wald

Luchse regeln ihre Dichte selbst

Luchse verteidigen ihre Territorien (auch Wohngebiete oder Reviere genannt) gegen gleichgeschlechtliche Artgenossen. Auf diese Weise sichern sie sich die überlebensnotwendigen Ressourcen: eine ausreichende Nahrungsbasis, Rückzugsgebiete für die Jungenaufzucht und den Zugang zu Geschlechtspartnern.

Das Territorialverhalten der Luchse sorgt mit seiner Funktion der Ressourcensicherung für eine an den Lebensraum angepasste Luchsdichte. Damit bestimmt die Lebensraumgüte (Beutetierdichte und verfügbare Habitatelemente) wie groß Luchsterritorien sind. Also eine natürliche Selbstregulation.

Die Raumnutzung der einzelnen Tiere ähnelt einem Netz mit Knoten. Dabei spiegeln die Knoten die Lieblingsgebiete wie ruhige Tageslager oder bevorzugte Jagdorte wider. Die Stränge dazwischen sind die Wege, auf denen die Luchse zwischen ihren favorisierten Plätzen hin und her wechseln.

Wohngebietsgrößen telemetrierter Luchse

Die bisherigen radiotelemetrischen Untersuchungen sowohl auf tschechischer als auch auf deutscher Seite zeigen einen Ausschnitt aus dem Leben der sonst so heimlichen und unsichtbaren Luchse. Insbesondere ging es dabei um die Raumnutzung der Tiere und die exemplarische Beantwortung der folgenden Fragen:

  • Wie sieht die soziale Organisation der hiesigen Population aus?
  • Wieviel Platz brauchen Luchse, und wie mobil sind sie?
  • Wie reproduktiv ist die Population?
  • Wandern überlebende Jungtiere ab, und wenn ja, wie nutzen sie dabei ihren Lebensraum?

Territoriale Luchse

Die frühe telemetrische Forschung konzentrierte sich auf vier erwachsene Luchse im Grenzgebiet. Die Ergebnisse zeigen Raumnutzungsmuster, die sich auch in späteren Studien als für Luchse typisch wiederholen ließen.

Die Luchsin Andra war zum Zeitpunkt ihres Fangs noch nicht territorial. Anfangs unternahm sie häufig Ausflüge nach Nordosten, die sie bis weit nach Tschechien führten. Nach einem Jahr hingegen blieb sie standorttreu und bewegte sich hauptsächlich zwischen Großem Arber und Bad Kötzting. Hinweise deuten darauf hin, dass in Andras Gebiet ein weiteres Tier, vermutlich ein Kater, unterwegs war. 

Karte zu den Verbreitungsgebieten der Luchse Beran und Bert.

Die Luchskater Beran und Don sind beides Grenzgänger und nutzen Gebiete beidseits der Landesgrenze. Beide haben große Reviere – Berans Revier umfasste fast 400 km² –, und sie waren vermutlich Nachbarn. Im angrenzenden Böhmerwald schloss sich das Revier des Katers Bert an, der von tschechischen Kollegen besendert wurde.

Auch in den Gebieten der beobachteten Männchen gab es Spuren weiterer Luchse. So konnten im Winter durch intensive Überwachung mindestens zwei Weibchen in Berans Revier nachgewiesen werden – eines auf deutscher und eines auf tschechischer Seite.

Wie Wohngebiete sich ändern können

Als der Luchskater Bert in Tschechien erschossen wurde, drang nur zehn Tage später sein Nachbar Don in das verwaiste Revier vor – und übernahm es vollständig. Bemerkenswert ist, dass Don danach nie wieder in seinem ursprünglichen Revier geortet wurde. Dieses Verhalten zeigt, wie flexibel und anpassungsfähig Luchse auf Veränderungen in ihrem Umfeld reagieren können.

Abwanderung Dons nach dem Tod von Bert.

Ein möglicher Grund für die Attraktivität von Berts ehemaligem Revier könnte der hohe Anteil an Wald-Feld-Grenzen sein, die ideale Lebensbedingungen für Rehe, die Hauptbeute der Luchse, bieten. Auch der Luchs Beran reagierte auf Dons Revierverschiebung und erkundete dessen altes Territorium. Eine vollständige Übernahme fand jedoch nicht statt, da Beran in seinem angestammten Revier verblieb. Dieses Gebiet Osser, Kaitersberg und Arber war vermutlich das attraktivere Luchshabitat. Dieses Verhalten verdeutlicht, wie stark Luchse an ihre Reviere gebunden sind, auch wenn sie auf Veränderungen in der Umgebung flexibel reagieren.

Ungestörte Fortpflanzung

Eineinhalb Jahre nach Andras Besenderung ändert sie ihr Verhalten deutlich im Vergleich zum Vorjahr. Während sie anfangs ihr Revier das ganze Jahr über recht gleichmäßig nutzte und dabei auch weite Ausflüge nach Tschechien unternahm, zeigt sich nun ein anderes Muster. Im Mai und Juni konzentriert sich ihre Aktivität zunehmend auf ein immer kleineres Gebiet.

Dies ist ein deutlicher Hinweis darauf, dass Andra Junge großzieht. Eine Störung des Wurfgebiets durch Aufsuchen der Umgebung der Wurfhöhle ist in dieser Zeit sehr kritisch, kann im schlimmsten Fall zum Tod der Jungen führen, und wurde deshalb vermieden.

Andras bevorzugte Gebiete im Frühjahr.

Erst im September, als Andra längst in einem anderen Bereich unterwegs war, wurde das Gebiet abgesucht und schließlich ihre vermutliche Wurfhöhle entdeckt.

Wie viele Junge Andra großgezogen hat, bleibt jedoch ungewiss. Anfang Oktober verstummte plötzlich ihr Sendesignal, von Andra fehlte seitdem jede Spur. Zwei Mal wurden kurze Zeit später noch ein Jungluchs gesichtet. Doch auch über dessen Schicksal ist nichts weiter bekannt geworden.

Andras bevorzugte Gebiete im Sommer.

Chicas Geschichte: Ein junges Weibchen wandert gen Westen

Wanderung von Chica vom Arber bis nach Roding.
Zwei Jungluchse stehen auf einem Felsen.

Chica, ein junges Luchsweibchen, wurde Ende Januar mit einem Sender ausgestattet. Zunächst blieb sie noch etwa einen Monat bei ihrer Mutter, die vermutlich eine Nachbarin der Luchsin Andra war.

Anfang März begann Chica ihre Wanderung nach Westen und bewegte sich in Andras Revier. Meist hielt sie sich in Waldrandnähe auf, wobei ihre Beute ausschließlich aus Hasen bestand.

Ein direktes Zusammentreffen mit Andra konnte zwar nicht nachgewiesen werden, aber möglicherweise hat sich Chica nicht ohne Grund auch tagsüber so nahe an uns Menschen aufhalten müssen.

Im Laufe ihrer Wanderung zog Chica weiter, vorbei an Bad Kötzting, in ein rund 20 km² großes Waldgebiet am Haidstein. Dort blieb sie fast drei Monate und begann, sich wie ein typischer Luchs zu verhalten: Tagsüber suchte sie felsige Verstecke auf, abends hielt sie sich in Waldrandnähe auf. Hier gelingt es ihr auch endlich, Rehe zu erbeuten.

 

Doch Anfang August verließ Chica das Gebiet erneut. Trotz Hochwasser durchschwamm sie den Fluss Regen und setzte ihre Wanderung nach Westen fort. Nun suchte sie tagsüber häufig Deckung in Maisfeldern. Ende August wurde Chica schließlich zwischen Roding und Cham, etwa 60 Kilometer von ihrem ursprünglichen Fangort entfernt, ein letztes Mal geortet. Seitdem fehlt jede Spur von der jungen Luchsin.

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