
Genetische Verarmung
Aufgrund der hohen Raumansprüche der Luchse sind für eine langfristige Bestandssicherung großräumige und grenzüberschreitende Schutzbemühungen notwendig. Um Inzucht und damit den Verlust der genetischen Vielfalt zu verhindern, muss eine Vielzahl von geeigneten Lebensräumen miteinander vernetzt werden, so dass eine ausreichend große Zahl an Luchsen miteinander in Kontakt steht und damit ein gemeinsamer Genpool gewährleistet ist.
Vernetzung und Austausch
Für Mitteleuropa existieren drei Konzepte, wie eine derartige Vernetzung aussehen kann. Diese so genannten Metapopulationskonzepte behandeln Ostbayern und Böhmen bis hin zu den Karpaten (CELTIC), den gesamten Alpenraum (SCALP) sowie die „Luchs-Metapopulation Oberrhein“.
Um diese Konzepte umzusetzen, sind sowohl nationale Strategien als auch populationsbezogene und damit internationale Managementansätze notwendig.
Ziel des alpenweiten Konzepts SCALP (blaue Pfeile) ist es, die Luchspopulationen Frankreichs und der Schweiz dauerhaft mit den Luchsvorkommen im Dreiländereck Slowenien-Italien-Österreich sowie den österreichischen Kalkalpen zu vernetzen.
Ziel des CELTIC-Konzepts (rote Pfeile) ist die Anbindung der bayerisch-böhmisch-österreichischen (BBA) Luchspopulation mit der autochthonen Luchspopulation in den Karpaten.
Ziel der Luchs-Metapopulation Oberrhein (gelbe Pfeile) ist es den Jura über die Vogesen mit dem Pfälzerwald und dem Schwarzwald zu verbinden.
Die Rolle Bayerns
Bayern trägt eine große Verantwortung für die langfristige Sicherung des Luchsbestandes in Mitteleuropa. Die bayerisch-böhmisch-österreichische Luchspopulation im Dreiländereck von Deutschland, Tschechien und Österreich ist ein unverzichtbares Bindeglied zwischen den Karpaten und den deutschen Mittelgebirgen. Der bayerische Alpenraum bildet einen Teil der Brücke zwischen den Luchspopulationen der Schweiz und Slowenien.
Metapopulationskonzept CELTIC
Das Konzept eines "Kreisverkehrs des Pinselohrs" wird unter der Abkürzung CELTIC (kurz für: Conservation of the Eurasian Lynx: Tradeoffs and International Cooperation) zusammengefasst, was frei übersetzt bedeutet: Schutz des Eurasischen Luchses - Kompromissfindung und internationale Zusammenarbeit.
Die Vision von CELTIC ist es, die Luchspopulation im Bayerisch-Böhmischen Grenzgebirge mit der autochthonen Population des Karpatenbogens zu vernetzen: über einen nördlichen und südlichen Ring von (Trittstein-) Vorkommen in Deutschland, Österreich, Tschechien, Polen und der Slowakei. Nur so könnte der wichtige genetische Austausch mit der Karpatenpopulation erreicht werden. Die Grundvoraussetzung für eine natürliche Vernetzung ist aber ein ausreichend hoher Populationsdruck und die Durchgängigkeit der Landschaft.
Metapopulationskonzept SCALP
Schon 1993 haben sich Wissenschaftler aus den Alpenländern zu der so genannten SCALP-Luchsexpertengruppe zusammengeschlossen, um eine alpenweite Schutzstrategie für den Luchs auszuarbeiten und umzusetzen. SCALP steht für Status and Conservation of the Alpine Lynx Population.
Die Zielsetzung lautet, im gesamten Alpenbogen eine lebensfähige Luchspopulation wieder herzustellen und ein dauerhaftes Miteinander von Mensch und Luchs zu garantieren.
Die SCALP-Gruppe gibt zudem jährlich Verbreitungskarten zum Luchs im Alpenraum heraus. Seit 2013 werden in diesen Karten auch benachbarte Luchsvorkommen, z. B. Dinariden, berücksichtigt. Seit dem Jahr 2020 enthalten die Verbreitungskarten alle mitteleuropäischen Luchsvorkommen. Da mehr als nur Alpenländer involviert sind, wurde der Name 2024 von SCALP auf SCALP+ angepasst.
Federführend beim SCALP-Metapopulationskonzept ist die Schweiz, die schon seit den 1980ger Jahren wissenschaftlich am Luchs arbeitet und in der europäischen Luchsarbeit Beispielcharakter hat. Mittlerweile sind alle Arbeiten an Beutegreifern in der Schweiz unter der in Bern ansässigen Stiftung KORA vereint (mehr unter www.kora.ch).
KORA führte beispielsweise diverse Umsiedlungsprojekte durch: Luchse von den Nordwestalpen in die Nordostschweiz (Projekt LUNO), vom Schweizer Jura in die österreichischen Kalkalpen oder nach Norditalien (Projekt ULyCA, s.a. Facebook Progetto Lince Italia). Außerdem spielt KORA eine tragende Rolle bei den Wiederansiedlungsprojekten, die mittlerweile in Deutschland begonnen haben.
Unter dem Linking-Lynx-Netzwerk werden diese Wiederansiedlungen fachlich begleitet, u.a. durch die Entwicklung von genetischen, veterinärmedizinischen und ethologischen Protokollen für den Umgang mit den auszuwildernden Luchsen (mehr unter www.linking-lynx.org).
Linking Lynx – Metapopulation des Karpatenluchses in Mitteleuropa
Die Ideen der regionalen Metapopulationskonzepte haben mittlerweile Eingang gefunden in ein übergeordnetes Metapopulationskonzept, das eine große Metapopulation auf mitteleuropäischer Ebene vorsieht.
Auch dieses Metapopulationskonzept zielt darauf ab, den natürlichen genetischen Austausch zwischen den kleinen und isolierten mitteleuropäischen Luchsvorkommen zu ermöglichen und so die weitere genetische Verarmung aufzuhalten bzw. die genetische Vielfalt in den Teilpopulationen zu optimieren.
Ziel der im Linking-Lynx-Netzwerk zusammenarbeitenden Fachleute ist es, eine lebensfähige Metapopulation des Karpatenluchses in Mitteleuropa zu schaffen, welche sich von den Karpaten bis hin zum Jura, den Westalpen und dem Dinarischen Gebirge erstreckt. In diesem riesigen Verbreitungsgebiet soll die genetische Diversität der zugehörigen Populationen aufrechterhalten und optimiert werden.
Linking Lynx ist ein Motor für die Umsetzung der oben beschriebenen drei Metapopulationskonzepte und erweitert sie zu einer mitteleuropäischen Vision.


