Ein etwa fünf Monate alter Luchs hat in den vergangenen Tagen Schlagzeilen gemacht. Die Meldung „Experten warnen Haustierhalter“ stellt die Lage allerdings auf den Kopf. Taucht ein so junger Luchs in einem Dorf auf, ist das immer ein Alarmzeichen. Nicht dafür, dass von ihm Gefahr ausgeht, sondern umgekehrt: Er hat seine Mutter verloren oder wurde, zum Beispiel durch ein traumatisches Ereignis, von ihr getrennt.
Nicht er ist die Gefahr - er ist in Gefahr
In Arrach jagte der kleine Luchs einer Hauskatze nach und folgte ihr bis in ein Haus. Dort prallte er gegen ein Fenster. Die Hausbewohnerin, die sich beim Anblick der zwei durchflitzenden Katzen erschreckt hatte, scheuchte ihn wieder zur Haustür hinaus – er blieb wohl unverletzt. Ein weiterer Vorfall, der für den jungen Luchs äußerst brenzlig war, ereignete sich mit einem Hund. Dieser verfolgte den kleinen Luchs, der sich aber glücklicherweise auf einen Baum retten konnte. Der Hundehalter filmte die Szene und fotografierte den Luchs in der Birke hängend.
Seitdem ist der Verbleib des jungen Luchses unbekannt. Die zuständigen Behörden versuchen, ihn aufzuspüren, einzufangen und in eine Auffangeinrichtung zu bringen.
Warum junge Luchse in Dörfer kommen
Junge Luchse bleiben rund zehn Monate bei ihrer Mutter, die sie in dieser Zeit mit Nahrung versorgt. Allein und ohne ihre Fürsorge können verwaiste oder mutterlose junge Luchse nicht überleben. Um nicht zu verhungern, wagen sich manche bis in menschliche Ansiedlungen vor, um dort nach leicht verfügbarer Nahrung zu suchen, seien es Hühner, Kaninchen oder eben Katzen. Luchswaisen erscheinen am häufigsten in den Monaten September, Oktober oder November, wenn sie vier bis sechs Monate alt sind. Sie einzufangen und zu retten, gelingt nur selten.
Objektive Gründe, Ängste vor diesen verwaisten Jungluchsen zu schüren, gibt es nicht.
Vermutlich ein Junges der Luchsin Frieda
Der kleine Arracher Luchs ist vermutlich eines der beiden Jungtiere der ansässigen Luchsin Frieda. Sie hält sich seit Mitte 2020 am Kaitersberg auf und hat dort jedes Jahr Junge geworfen. Sie ist eine erfahrene Mutter und erschien auf aktuellen Fotofallenbildern gesund. Ob sie und das zweite Jungtier noch leben, wird erst die Zukunft zeigen, falls sie von den im Wald verteilten Wildkameras wieder erfasst wird – oder eben nicht mehr.
Ihre Vorgängerin in diesem Revier, die Luchsin Vroni, ging 2019 im jungen Alter von fünf Jahren plötzlich verschollen. In diesem Jahr führte sie mindestens ein Junges, das mit ihr ebenfalls verschwand. Vroni ist kein Einzelfall: Jedes Jahr verschwinden rund 20 Prozent der erwachsenen Luchse – ein Ausmaß, das sich nicht mit natürlicher Sterblichkeit erklären lässt.
